Herbstexkursion 2015 in Bern

Samstag, 26. September 2015

(alb) Als Austragungsort für die Herbstexkursion wurde das Naturhistorische Museum in Bern ausgewählt.

Naturhistorisches Museaum Bern
Wie bereits im Vorjahr waren das Vormittags- und das Nachmittagsprogramm völlig unterschiedlich. Der Vormittag war dem Thema: "1816 - Das Jahr ohne Sommer" gewidmet, am Nachmittag konnten die Teilnehmenden einer "Talk-Runde" beiwohnen, die sich mit der Frage: "Wie viel Stein ist im Wein", befasste.

1816 - Das Jahr ohne Sommer (Zusammenfassung)

Prof.
Dr. Stefan Brönnimann

Referent: Prof. Dr. Stefan Brönnimann. Leiter der Gruppe für Klimatologie im Oeschger Zentrum am Geographischen Institut der Universität Bern.

Ein Vulkanausbruch mit grossen Folgen?

Am 5. April 1815 kam es auf einer Insel im fernen Indonesien zu einem gewaltigen Vulkanausbruch und fünf Tage später explodierte der feuerspeiende Berg. Vom einst 4300 Meter hohen Vulkan Tambora wurden mehr als 1400 Meter weggerissen Die Eruption schleuderte eine Unmenge von vulkanischem Material in die Atmosphäre. Der Vulkanausbruch wirkte sich verheerend aus. Es sollen mehr als 70'000 Menschen im Aschenregen ihr Leben verloren haben.

Hungersnot in Appenzell 
Aber nicht nur in Indonesien brachte der Vulkanausbruch grosses Leid. Ein grosser Teil der Vulkanasche verteilte sich - wegen der äquatornahen Lage des Tambora - um den ganzen Globus und bewirkte verbreitet eine starke Absorption des Sonnenlichts. Das führte vielerorts zu einer spürbaren Abkühlung und das darauffolgende Jahr 1816 ging als das "Jahr ohne Sommer" in die Klimageschichte ein. Betroffen waren vor allen der Nordosten Amerikas sowie Westeuropa, besonders der süddeutsche Raum, Vorarlberg, Tirol und die Schweiz. Die ungünstige Witterung bewirkte erhebliche Ernteausfälle. Die Folgen waren eine Verknappung der Lebensmittel und ein enormer Preisanstieg für das Getreide. Hauptbetroffen von der Ernährungskrise war die ärmere Bevölkerung, für die Brot und Kartoffeln unerschwinglich wurde.

William
Turner 
Zu dem wenigen Guten, das der düstere Sommer 1816 mit sich brachte, gehören die farbenprächtigen Sonnenuntergänge (wenn es nicht gerade regnete oder schneite), zu denen die Aerosole in den oberen Luftschichten beitrugen. Viele bekannte Landschaftsmaler (z.B. William Turner) hielten diese speziellen Stimmungen auf ihren Gemälden fest. Die lebhaften Farben und die besonderen Abendstimmungen im Jahr 1816 prägten ihre Werk über längere Zeit.

Klimatologische Rekonstruktion des Vulkanausbruchs

Zurzeit des Vulkanausbruchs gab es nur wenige Messdaten. Eine Rekonstruktion der damaligen meteorologischen Verhältnisse war daher nicht einfach und mit viel Aufwand verbunden. Basis dafür waren - nebst den nur spärlich vorhandenen instrumentellen Messungen - historische Dokumente, Baumringe usw.

Prof. S. Brönnimann bereitete mit seiner Forschungsgruppe die historischen Wetterdaten der damaligen Zeit auf und erstellte daraus dreidimensionale Datensätze. Mit Hilfe von Klimamodellen konnten damit die grossräumigen Klimaschwankungen, wie sie zum Beispiel durch Vulkanausbrüche ausgelöst werden, rekonstruiert und studiert werden.

Sie kamen dabei für das Jahr 1816 zu folgenden Ergebnissen:

Temperaturdiagramm 
  • Die monatlichen Temperaturen lagen im Sommer zwischen 2,3 und 4,6 Grad unter dem langjährigen Mittel.
  • Immer wieder gab es im Sommer Schnee bis in tiefe Lagen.
  • Die Anzahl der Regentage war rund doppelt so hoch wie üblich.
  • Auch innerhalb von gleichen Wetterlagen waren die Temperaturen tiefer als in der Referenzperiode 1799-1821.

Die interessanten und fachkundigen Ausführungen von Prof. Brönnimann wurden mit viel Applaus verdankt.

 

Zusammenfassung der Talk-Runde: "Wieviel Stein ist im Wein"

Talkrunde 
Referenten: Dr. Thomas Burri (Museumsgeologe), Dr. Willi Finger (Önogeologe), Kryezin Rexhep (Winzer, Pedologe).

Terroir 
Wein zeichnet sich, wie man bisweilen in Degustationnotizen und auf Weinkarten lesen kann, durch sehr unterschiedliche Aromen aus. Die einen haben einen leicht "erdigen" Geschmack, andere schmecken eher fruchtig, nach Vanille oder besitzen einen anderen spezifischen Goût. Als Grund für die unterschiedlichen Geschmacksnoten wird das "Terroir" bezeichnet. "Terroir" bedeutet zwar wörtlich "Boden". Bei Weinkennern versteht man unter diesem Begriff jedoch viel mehr, nämlich:

  • Klima (Sonnenenergie, Temperatur, Niederschlag)
  • Bodenrelief (hauptsächlich Exposition und Hangneigung)
  • Geologie (physikalische und chemische Zusammensetzung des Bodens)
  • Bodenfeuchtigkeit
  • Pflegearbeit der Winzer im Rebberg und im Weinkeller

Reben
und Untergrund 
Einige Mitglieder der geotechnischen Kommission der ETH Zürich, der auch der Geologe und Weinfreund Willi Finger angehört, gingen der Frage nach, ob Geschmacksstoffe aus dem Gesteinsuntergrund eines Rebbergs dem betreffenden Wein eine würzig-mineralische Note verleihen kann. Die Kernfrage lautete dabei: Haben Gesteine und Anreicherungen von mineralischen Elementen im Untergrund Auswirkungen auf Rebe und Wein? Um eine Antwort zu finden, wurden verschiedene heimische Weinanbaugebiete mit auffälligen Gesteinsunterlagen und ihre Erzeugnisse geologisch und geschmacklich unter die Lupe genommen.

Nach den Ausführungen zur geologischen Vielfalt der Schweiz und einem Exkurs zu Herkunft und Verbreitung hiesiger Rebsorten, wurden drei Schweizer Weinbaugebiete aus geologischer und önologischer Sicht vorgestellt. Dabei begnügte man sich nicht nur mit dem Transformieren von Wissen, sondern bekam auch mit Hilfe von Degustationen die Möglichkeit auf geo-önologische Entdeckungen zu gehen. Damit wurde versucht zu zeigen, wie sich der Untergrund eines Rebberges auf den Charakter eines Weins auswirken kann.

Für das subjektive Experimentierfeld stand folgendes Angebot zur Verfügung:

Gruppe 1: Wein aus Würenlingen (Untergrund Kalk) und Wein aus Böttstein (Untergrund Schotter/Moräne).
 
Gruppe 2: Merlot aus Arzo (Untergrund Kalk) und Merlot aus Giornico (Untergrund Gneis).
 
Gruppe 3: Pinot noir aus Erlinsbach (Untergrund eisenhaltig) und Pinot noir aus Seengen (Untergrund Moräne).

Schmeckt man tatsächlich den Stein im Wein? Die Degustation führte - nicht ganz unerwartet - zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die einen liessen sich davon überzeugen, dass der steinige Untergrund eines Rebberges durchaus mit dem Gaumen wahrgenommen werden könne. Andere hingegen gelang es nicht, eindeutige Zusammenhänge zwischen der Geologie und dem im Wein gespürten herzustellen.

Spannend war es jedoch für alle, der interessanten "Talk-Runde" der drei Weinexperten zu folgen. Sie erhielten entsprechend viel Applaus. Mit ihren Ausführungen sorgten sie sicher dafür, dass Fachsimpeleien unter Weinfreunden belebt und geologische Entdeckungsreisen zu den Schweizer Weinbaugebieten angeregt werden.

Legenden zu den Bildern:

  • Bild 1: Austragungsort der Herbstexkursion, das Naturhistorische Museum in Bern.
  • Bild 2: Der Referent: Prof. Stefan Brönnimann.
  • Bild 3: Das Bild stellt hungernde Menschen dar, die gemeinsam mit dem Vieh Gras assen.
  • Bild 4: Ein Gemälde von W. Turner, das die speziellen Stimmungen nach der Zeit des Vulkanausbruches festhält.
  • Bild 5: Vergleich der Temperaturen 1816 zum langjährigen Mittel 1971-2000.
  • Bild 6: Dr. Burri und Dr. Finger bei der Talk-Runde.
  • Bild 7: Das "Terroir" beeinflusst in hohem Mass die Qualität des Weins.
  • Bild 8: Die Reben beziehen ihre spezifischen "Nährstoffe" bis aus einer Tiefe von etwa 5 Metern.